Sülters Warpkernkette - Wofür steht Star Trek: Voyager?

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Sülters Warpkernkette: Wofür steht Star Trek: Voyager?

Als ich neulich Captain Janeways Duttnadeln sortierte, schoss mir plötzlich eine Frage durch den Kopf: Wofür wollte Star Trek: Voyager damals eigentlich stehen? Und was wurde dann wirklich daraus? Eine gute Gelegenheit, meine Arbeit kurz zu unterbrechen.

Alles neu, alles toll, alles wundervoll

Ja, wie war das damals überhaupt? Star Trek: The Next Generation hatte 1994 erfolgreich das Fernsehen in Richtung Kino verlassen, Star Trek: Deep Space Nine kämpfte bereits im zweiten Jahr mit Zuschauerschwund. Das war jedoch nicht der Grund für die Konzeption von Star Trek: Voyager. Man wollte ohnehin weiter zwei Serien parallel laufen lassen und hatte das Team um Rick Berman, Michael Piller und Jeri Taylor bereits 1993 beauftragt, das nächste Spin-Off als Aushängeschild des nagelneuen eigenen Networks UPN zu entwickeln.

Derart frühe Planung kann helfen: So konnte man in den beiden anderen Serien gezielt Episoden über den Maquis platzieren, den man ins Zentrum der neuen Serie rücken wollte. Dabei stand nie in Frage, dass man wieder ein Raumschiff zum Handlungsort machen wollte. Doch reichte es den Produzenten nicht, einfach eine neue Crew in neue Abenteuer zu schicken, man wollte etwas völlig Neues erschaffen und entschied, die Voyager direkt im Pilotfilm in den weit, weit entfernten Delta-Quadranten zu schleudern – mit einer Crew aus eigentlich verfeindeten Sternenflottenoffizieren und Maquis, viel Misstrauen und einer frustrierend langen Reise vor der Brust, bot dieser Ansatz ein schier unerschöpfliches Reservoir an Zündstoff und Geschichten. Den Alphaquadranten, den man für auserzählt und durch DS9 sowie die Kinofilme als übersättigt empfand, ließ man komplett hinter sich.

Durch diesen Kniff wäre man auch nicht länger auf altgediente Spezies wie die Klingonen, Cardassianer, Vullkanier oder Romulanern beschränkt, sondern könnte jede Woche neue, kreative und exotische Aliens präsentieren oder über die Zeit entwickeln. Den Autoren stand ein ganzer Quadrant an Freiheiten zur Verfügung – und das auch noch, ohne Rücksicht auf den berüchtigten Trek-Kanon nehmen zu müssen.

Auch wollte man ganz nebenbei noch das Zusammenwachsen der Crew, die Entwicklung einer Familie weit entfernt von Zuhause, den Erhalt von Prinzipien und die Schwierigkeiten damit darstellen. Wie könnte ein Sternenflottenschiff ohne Sternenflotte überhaupt funktionieren? War es nicht vielleicht wichtiger, mit allen Mitteln nach Hause zurück zu kommen? Oder musste man an den bekannten Regeln und Sichtweisen um jeden Preis und zu jeder Zeit festhalten? Im Zweifel auf Kosten des Schicksals der ganzen Crew? Wie würde die Reise die Charaktere verändern? Würde man Bündnisse schließen können? Oder sich neue Feinde schaffen?

Ich bin an dieser Stelle selber völlig von den Socken. Auf dem Papier klingt Star Trek: Voyager auch heute noch wie die perfekte Trek-Serie. Kein Wunder, dass man das Konzept sofort kaufte und in Serie schickte.

Die Realität ist ein Drecksack

Wie so oft im Leben wurde die Vision einer perfekten Serie aber schneller von der Wirklichkeit eingeholt, als allen lieb war. Bereits im Pilotfilm schickte man die Crew in eine Art Holodeckphantasie mit Farmhäusern, Bauern und Bäuerinnen, einem Banjospieler und viel Kitsch. Als Antagonisten bot man obendrauf hohle Betonfrisuren an, die in ihrem schlichten Wutbürgertum sogar den Klingonen den Rang abliefen – wenn die Parallelen auch frappierend waren. Auch die Ocampa konnten kaum begeistern: Dicke statt spitze Ohren - fertig ist die neue Spezies. Man merkte schnell: Da geht was im Delta-Quadranten! Und auch in der restlichen ersten Staffel wurde man nicht verwöhnt: Temporale Paradoxien á la Brannon Braga, der Besuch eines Romulaners, ein Crewmitglied vor Gericht, ein menschelnder Kriegsverbrecher, mehr Holodeck-Episoden, Nahtoderfahrungen – man etablierte die Serie direkt als TNG Redux. Neue Crew, neues Schiff, gleiche Gangart. Und man möge das nicht falsch verstehen – das reichte in vielen Fällen sogar früh zu guten bis sehr guten (Projections, Phage, Faces, Jetrel, Eye of the Needle) Episoden. Wenn da nicht eigentlich eine andere Prämisse gewesen wäre…

Und natürlich muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass zumindest mit den Vidiianern eine äußerst kreative Spezies mit einer spannenden Vorgeschichte und starkem Make-up entstand. Exakt auf diese Art hätte man dauerhaft vorgehen müssen. Dieshätte die Messlatte sein müssen.

Doch kam es anders. Abgesehen vom Schicksal der Dinosaurier (kam später noch), dem Ausgang des Bermuda Dreiecks, der Bundeslade und dem Heiligen Gral (überließ man einem gewissen Dr. Jones), den Nazis (kamen leider auch später noch) fasste man schon früh diverse heißen Eisen an: Indianer, Amelia Earhart, die Ferengi aus „The Prize“ (TNG), ein Cardassianer, Klingonen, mehr Romulaner, die Borg, Besuche auf der Erde und dem Holodeck oder immer wieder Q – für nichts war man sich zu schade, keine Idee konnte schnell genug auf einen Baum flüchten. Die Autoren waren immer schneller. So wurde Star Trek: Voyager über die Jahre vom TNG-Klon fast zu einer Nummern-Rrevue „Best of Alpha Quadrant“. Und in Sachen Kreativität bei Alienspezies war man derart erfolgreich, dass man noch im dritten Jahr die eindimensionalen Betonfrisuren durchhechelte und später dann ganze vier Jahre lang auf die Borg angewiesen war.

Doch immerhin war da ja noch der wunderbar knisternde Konfliktherd namens Maquis vs Sternenflotte. Anschnallen, Sturzhelm auf und Popcorn zur Hand! Oder doch nicht? Im Pilotfilm wurde Chakotay direkt zum ersten Offizier befördert (leider auch nur off-screen und ohne wirkliche Erklärung oder Diskurs), Knastbruder Paris machte man später zum Piloten und Torres zur Chefingenieurin. Dazwischen gab es ein paar Zickereien, einen kleinen Aufstand und viel Vakuum. Nein, man hatte schlicht kein Interesse, dieses Dramapotential zu heben. Zu schnell wuchs alles zusammen, zu friedlich wurden alle Probleme beigelegt. Wäre die Crew schon auf DS9 in dieser Zusammensetzung ins Abenteuer gestartet, die Unterschiede wären minimal gewesen. Und dabei hatte man es hier nicht mit Fehlplanung oder einem konzeptionellen Irrtum zu tun, sondern ganz einfach mit Faulheit, Bequemlichkeit und fehlender Kreativität. Wenn der große Trek-Durchhänger zwischen Mitte der Neunziger und dem Box-Office-Flop Star Trek: Nemesis einen Grund hatte, dann diesen. Satte Produzenten und Autoren, die lieber auf Autopilot flogen, als wirklich für ihr Geld zu arbeiten.

Was soll ich sagen? Das alles klingt nicht wirklich nach einer Liebesbeziehung zwischen mir und der Serie – und dennoch ist das nur die halbe Wahrheit.

My secret love for Kathryn & her crew

Die halbe Wahrheit, weil ich die Serie immer sehr mochte und auch heute noch gerne schaue. Sie hat mir in sieben Jahren viele wunderbare Stunden Star Trek beschert, hat mich zum Denken angeregt, zum Lachen und Weinen gebracht und mich mitfiebern lassen. Die Voyager hat einen Platz in meinem Herzen – was jedoch nichts daran ändert, dass ich mir der Schwächen mehr als bewusst bin. Denn wenn man im Leben etwas akzeptieren lernen muss, dann , dass nichts perfekt ist. Die Borg würden sicher widersprechen, aber auch den wunderbarsten Dingen, Menschen und Erlebnissen dürfen kleine Macken innewohnen. Nobody is perfect.

Und so haben die Autoren zwar sieben Jahre lang eine tolle Abenteuer-Serie abgeliefert, es aber nie verstanden, ihre eigene Prämisse mit Leben zu füllen. Sie haben es sich in den Charakterzeichnungen zu leicht gemacht, haben Prioritäten verändert oder vergessen, Chancen vergeben, zu viel auf Füller-Episoden gesetzt und obendrauf noch ein Ende serviert, dass in Sachen emotionaler Resonanz ein Rohrkrepierer war. In all diesen Bereichen liegt die große Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und diese war leider nie größer als bei Star Trek: Voyager.

Hätte, hätte, Warpkernkette. Bis zum nächsten Mal.

Björn Sülter ist als freier Redakteur unter anderem bei Onlinepublikationen wie Quotenmeter, Serienjunkies und auch Robots & Dragons aktiv. Der Autor und Musiker ist Fachmann in Sachen Star Trek. Seit 20 Jahren schreibt er über das langlebige Franchise.

Für Robots & Dragons plaudert er in Sülters Warpkernkette in unregelmäßigen Abständen aus dem Nähkästchen eines Trekkies. Außerdem begleitet er exklusiv die Entstehung von Star Trek: Discovery mit seiner Kolumne Sülters IDIC und liefert später auch ausführliche Rezensionen zu den Episoden.

Björns Homepage und somit viele seiner Artikel und Trek-Rezensionen erreicht ihr unter www.sülterssendepause.de

The definitive Voyager torpedo inventory log

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