Clarkesworld 195

Neil Clarke (Hrsg.)

In seinem Vorwort der Dezemberausgabe schaut Herausgeber Neil Clarke eher auf die eigenen Einleitungen zurück als in die Zukunft. Auch eine Methode, die Seiten zu füllen.

Julie Novakova streift auf wissenschaftlicher Grundlage durch verschiedene Welten und versucht Fiktion mit der tatsächlichen Forschung zu verbinden. Dabei zeigt sie immer wieder auf, dass die Phantasie die Wissenschaft beugen muss, damit der Plot literarisch funktioniert.

Arley Sorg führt in dieser letzten 2022 Ausgabe 2.5 Interviews. Mit der relativ unbekannten Lisa Yaszek führt er ein ausführliches Gespräch. Sie ist als Herausgeberin der Anthologie „The Future is Female“ bekannt. Sie spannt einen weiten Bogen und geht auf die SF der siebziger Jahre aus der Feder weiblicher Autoren genauso ein wie die despektierlichen Kommentare ihrer männlichen Kollegen, welche den siebziger Jahren der Science Fiction jegliche Originalität absprechen. Lisa Yaszek kennt sich im SF Genre ausgezeichnet aus. Die Herausgeberin führt eine Reihe von Kurzgeschichten an, zwischen denen sie sich für die Anthologien entscheiden musste.  Dabei begründet sie ihre Entscheidungen und bietet den Interessierten eine Reihe von Vorschlägen an, die es nicht in diese empfehlenswerte Anthologie Reihe geschafft haben.

Auch das Interview mit der Koreanerin Bora Chung und Antor Hur ist bemerkenswert. Bora Chung berichtet über ihre Karriere in Korea, aber auch die Zusammenarbeit mit ihrem Übersetzung Antor Hur. Im zweiten Teil des Interviews – sie sind beide voneinander getrennt – beschreibt dann Antor Hur nicht nur den Übersetzungsprozess, sondern auch das Sonderieren des Marktes. Gleichzeitig versucht sich Antor Hur selbst als Autor zu etablieren. Neben der interessanten Perspektive auf einen der im westlichen Raum literarisch bekannten Räume zeigen die beiden Interviewten auf, wie schwierig es ist, die eigene Kultur zu vertreten und gleichzeitig vor allem im amerikanischen Raum an Profil zu gewinnen.

Literarisch besteht der Dezember aus zwei Novelletten und einem halben Dutzend kürzerer Texte. Naim Kabir eröffnet die Ausgabe mit „Law of Tongue“. In der näheren Zukunft können die Menschen direkt mit  Tieren kommunizieren. In diesem Fall Orcas, welche bei der Suche nach einer Enkelin helfen sollen. Die Enkelin eines Orcas. Die Reise führt den Protagonisten trotz der Kürze der Geschichte von Kalifornien nach Alaska. Der Autorin gelingt es, die Orcas sehr differenziert zu zeichnen und auf mögliche Verniedlichungen zu verzichten. Die Technik wird überzeugend beschrieben, erdrückt aber die Handlung nicht. Die Autorin verdeutlich aber auch, das weiterhin unter den Tieren das Gesetz des Stärkeren herrscht. Die Szene erscheint grausam, aber durch das fehlende Eingreifen der Menschen entfaltet sie sich in einem natürlichen Kreislauf des Fressen und Gefressen werden.

Ben Berman Gahns „The Resting Place of Trees“ spielt in einer deutlich ferneren Zukunft. Die Menschen wurden durch künstlichen Intelligenzen ersetzt. In einer fast philosophischen Diskussion geht es um die Fortführung der menschlichen Plänen, auf Planeten Rohstoffe abzubauen, während die künstlichen Intelligenzen inzwischen außerhalb ihrer künstlichen, von Menschen gestalteten Körpern leben können. Der Hauptprotagonist versucht aus den menschlichen Botschaften einen Sinn zu generieren.  Der Plot ist rudimentär entwickelt. Viel mehr versucht der Autor die Evolution der Menschen, aber auch der künstlichen Intelligenzen zu beschreiben, ohne abschließende Antworten zu geben oder geben zu können.

Die längste Geschichte „Upstart“ aus der Feder Lu Ban ist gleichzeitig eine der besten Storys dieser Ausgabe, aber vor allem auch die beste aus dem Chinesischen übersetzte Geschichte dieses „Clarkesworld“ Jahres. Menschen können in dieser fernen Zukunft ihren Tod diskontieren. In dem sie die Bedingungen der „Firma“ – als Stellvertreter der Regierung – akzeptieren, erhalten die lebenden Toten eine große Summe Geld, die sie nach strikten Regeln ausgeben können. Sobald der errechnete Todeszeitpunkt eintritt, müssen sie sich quasi an den entsprechenden Orten versammeln und werden aktiv getötet. In der Zwischenzeit dürfen sie nur an bestimmten Orten leben, keine Nachfahren zeugen und vor allem das zugesagte Geld auch nicht verschenken oder vererben.

Die Grundidee erinnert natürlich an Goethes Faust. Auch hier versucht der Protagonist das unvermeidliche Schicksal aufzuschieben. Allerdings trifft er auf eine junge Frau, deren Vater der Nachbar des Protagonisten gewesen ist. Er wurde von den Behörden abgeholt, auch wenn er für die Firma gearbeitet und sich in den Untergrund begeben hat.

Die Grundidee mag nicht neu sein. Zu viele Autoren haben sich an dieser These schon versucht. Lu Ban erzählt seine Geschichte allerdings vordergründig als Krimi. Warum wurde ein Mann von den Behörden abgeholt, der von Rechtswegen nicht betroffen sein kann? Ist es doch möglich, sein nicht ausgegebenes Vermögen zu spenden? Lu Ban konzentriert sich lange Zeit auf diese Fragen, um dann eine gänzlich andere Auflösung zu präsentieren, welche den gordischen Knoten des Faustpaktes nicht durchschlägt, aber eine weitere Subgesellschaft zeigt, welche sich die Nöte der lebendigen Toten zu Eigen macht und sie ausnutzt. Eine spannende Geschichte, die auf mehreren Zeitebenen ausgesprochen stringent erzählt wird. Im Gegensatz zu einigen anderen chinesischen Texten ist auch die Zeichnung der Protagonisten.

Die Grundidee von „To Exorcise Mechanical Ghosts“ (Laney Gaughan) ist auch nicht unbedingt neu. Ein während eines Unfalls in einer Miene verletzter Mann erhält einen mechanischen Arm von einem anderen Arbeiter, der bei einem vergleichbaren Unfall allerdings ums Leben gekommen ist. Ein Steuerungselement wird in seinem Ohr eingepflanzt. Diese Art der Steuerung macht nicht unbedingt Sinn, aber ansonsten würde der Plot nicht funktionieren. Dadurch nimmt der Mann die Gedanken des Verstorbenen in sich auf.  Die Pointe ist eher schwach, die Geschichte konzentriert sich auf eine Reihe von Horrorelementen in einer wenig entwickelten Science Fiction Umgebung. Generell eine eher schwache Story.

Bri Castagnozzis „Keiki´s Pitcher Plant“ nimmt sich wieder dem Thema der künstlichen Intelligenz an. Die künstlichen Intelligenzen steuern eine größere Anlage. Die Menschen sind seit Jahren nicht mehr an ihren Arbeitsplätzen. Als die künstliche Intelligenz in einer Notsituation die Hilfe von Menschen benötigt, ist die Protagonistin überrascht, in welche Richtung sich die Anlage entwickelt hat. Die Anspielungen auf die Veränderungen auf der Erde durch eine Rekultivierung sind offensichtlich. Allerdings wirkt die Geschichte eher wie eine Art Stillleben als wirklich nachhaltig entwickelt. Viele Hintergrundinformationen werden spärlich angeboten, so dass die Leser zwar auf Augenhöhe der staunenden menschlichen Protagonistin das Geschehen verfolgen, die Teile sich aber nur bedingt zusammensetzen.   

S.L.Huangs „Murder by Pixcel: Crime and Resposibility in the Digital Darkness” entwickelt sich mit einigen Ecken und Kanten wie ein Krimi. Reiche Menschen werden mit anonymen Nachrichten drangsaliert, in den Wahnsinn und Selbstmord getrieben. Es handelt sich um keine unschuldigen Menschen. Die verantwortliche Hackerin wird verhaftet und angeklagt. Aber anscheinend kann sie die letzten Taten nicht begangen haben, da saß sie schon im Gefängnis. Ein Reporter versucht unter anderem in Gesprächen mit der Hackerin hinter der Geheimnis zu kommen.

Basierend auf gegenwärtiger Technologie stellt sich die allerdings unbeantwortete Frage, wie viel Verantwortung der Programmierer für seine in diesem Fall auf Algorithmen basierenden Schöpfen zu tragen hat. Die Hacker werden nicht bedroht, sie werden gewarnt und mittels ihrer eigenen, auf den Computern versteckten Geheimnissen bloß gestellt, bis sie selbst Verantwortung übernehmen. Die Grundprämisse ist wichtig, wird aber durch die Fokussierung auf Schuldige ein wenig zu simpel abgehandelt. Hinzu kommt, das der Autor keine abschließende persönliche Meinung präsentiert, sondern die konträren Thesen frei gegenüber stehen lässt. Hier wird sehr viel Potential verschenkt.

Vandana Singhs „Left to Die“ handelt von einer auf einem fernen Mond gestrandeten Frau. Obwohl sie noch nicht tot ist, versuchen ihre beiden Liebhaber schon ihr potentielles Erbe aufzuteilen. Am Ende präsentiert die Autorin eine unwahrscheinlich, aber effektive Auflösung, welche wissenschaftliche Fakten höflich gesprochen beugt, aber in einem stringenten Krimi passt.

  Eine Krimihandlung, eine exotische Lebensform und eine zumindest zu Beginn aussichtslose Situation sind der perfekte Stoff für eine gut geschriebene Kurzgeschichte. Aber Vandana Singh hat nicht zum ersten Mal Schwierigkeiten, die einzelnen Elemente zu einer funktionierenden Handlung zu verbinden. Vieles bleibt vage und offen, was die Lektüre eher frustrierend macht.

 Alex Sobels „The Lightness“ ist zwar die kürzeste Geschichte dieser „Clarkesworld“ Ausgabe, aber weder die oberflächlichste noch eine der schlechtesten. Eine Frau willigt ein, ein außerirdisches Baby auszutragen. Dadurch können die außerirdischen Eltern auf der Erde einwandern. Als die Aliens bei einem Unfall sterben, muss die Frau eine Entscheidung treffen.

Handlungstechnisch wirkt einiges konstruiert und bemüht. Vieles wird in der Kürze andiskutiert, aber nicht zu Ende gedacht. Die biologische Prämisse ist genauso wackelig wie die rechtliche Konstruktion, das eine Leihmutterschaft ein Einwanderungsrecht für die Eltern bedeuten könnte. Das Thema Abtreibung wird vor allem für den gegenwärtigen rechtlichen Stand in den USA zumindest offen angesprochen, aber wie angedeutet krankt der Text an zu vielen konstruierten Ideen, welche Alex Sobel benötigt, um den grundlegenden Konflikt in Position zu rücken.

„Clarkesworld“ 195 als letzte Ausgabe des Jahres 2022 verfügt über einige wenige sehr gute Geschichten, aber auch eine Reihe von Texten, die wissenschaftlich nicht plausibel durchdacht worden sind und vor allem auch hinsichtlich der Pointen extrem konstruiert erscheinen. Ein solider Jahresabschluss mit einem interessanten Titelbild, aber leider kein Höhepunkt des Jahres.